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Liebe

Michael Haneke legt mit „Liebe“ einen Film vor, der offen, direkt und unglaublich sensibel zugleich das Lebensende eines alten Ehepaares zeigt…

„Liebe“ ist die berührende Liebesgeschichte von Anne und Georges. Die pensionierten Musikprofessoren leben friedlich in ihrer bürgerlichen Wohnung in Paris, bis Anne nach einem Schlaganfall halbseitig gelähmt aus dem Krankenhaus zurückkommt. Sie müht ihrem Mann das Versprechen ab, dass er sie nie wieder ins Spital bringen werde, und er hält sich daran. Georges kümmert sich rührend um seine Frau, deren Zustand sich zunehmend verschlechtert. Er versucht mit aller Kraft ihren Alltag trotz der schweren Krankheit lebenswürdig zu gestalten und stößt dabei auch an seine Grenzen.

Am Beginn des Films brechen Polizeibeamte eine Wohnung auf, machen offensichtlich eine schlimme Entdeckung, dann schwenkt der Film zurück in die Vergangenheit und zeigt den Weg des Paares von Beginn der Krankheit Annes weg. Haneke nimmt damit das Ende der Geschichte vorweg – den Tod – und das Werk kann sich damit auf den Weg dorthin konzentrieren. In langen und konzentrierten Einstellungen schafft der Regisseur eine Nähe zwischen Publikum und dem Paar herzustellen – ohne Effekte, ohne laute Emotionen, ganz schlicht und ruhig.


 

Jean-Louis Trintignant brilliert in dieser Rolle, seine warme, liebenswürdige Ausstrahlung und seine stille Verzweiflung liest man ihm schier an den Augen ab. Er zeichnet gemeinsam mit Emanuelle Riva ein authentisches und zutiefst berührendes Bild von der Unerbittlichkeit des Altwerdens. Mit diesen beiden Schauspielern holt Haneke große Persönlichkeiten zurück auf die Leinwand, Jean-Louis Trintignant hat in den 60-er Jahren Filme unter der Regie von Dino Risi, Claude Chabrol, Francois Truffaut oder Bernardo Bertolucci gedreht, Emanuelle Riva drehte unter Alain Resnais „Hiroshima mon amour“.

„Liebe“ wird als Kammerspiel bezeichnet, es findet mit einer einzigen Ausnahme ausschließlich in der bürgerlichen Altbauwohnung in Paris statt. Haneke ließ dafür die Wohnung seiner Eltern nachbauen: hohe Räume, Flügeltüren, Holzmöbel und ein Flügel im Wohnzimmer. Musikalisch wird der Film stellenweise von Klaviersonaten begleitet, doch die meiste Zeit herrscht Stille vor. Eine gespenstische Stille, in die sich die beiden hüllen und vor der Außenwelt verstecken. Besucher sind nicht erwünscht, selbst der eigenen Tochter wird nur widerwillig die Tür geöffnet. Das Paar möchte ohne Zuseher seinen letzten Weg gehen.

Es ist eine Geschichte über ehrliche Liebe, über das Altwerden, über Versprechen, Vergänglichkeit und letztendlich auch über das Sterben. Haneke zeichnet mit „Liebe“ ein Drama auf die Leinwand, das ganz „undramatisch“ unter die Haut geht. Ohne Schnörkel, ohne technische Effekte, ohne laut zu werden. Er begleitet zwei Menschen am Ende ihres Lebens, und das ist ihm meisterhaft gelungen. Die Goldenen Palme, die er in Cannes für „Liebe“ bereits ein zweites Mal erhalten hat, reiht ihn unter die größten Filmemacher. Und diese Auszeichnung gebührt ihm.

Regie und Drehbuch: Michael Haneke, Darsteller: Jean-Louis Trintignant, Emanuelle Riva, Isabelle Huppert, Alexandre Tharaud, Laufzeit: 110 Minuten, Kinostart: 21.09.2012