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Scissor Sisters – Magic Hour

Inspiriert vom heißen und queeren New Yorker Nachtleben formierten sich 2000 die zwei schwulen Freunde Jake Shears und Scott „Babydaddy“ Hoffman zu einem Electroclash Duo „Fibrillating Scissor Sisters“. Schon bald trafen sie die Nachtclub-Betreiberin Ana Matronic, die sie wegen ihrem teils bizarren, teils kitschigen Stil gleich für die Band verpflichteten…

Mit der Zeit verloren sie das „Fibrillating“ und nannten sich fortan nur noch „Scissor Sisters“ nach der sexuellen Praktik weiblicher Homosexueller. Ihr erstes, gleichnamiges Album veröffentlichten die Schwestern 2004. Es lieferte Hits wie „Laura“, „Take Your Mama“ und das beliebte Pink Floyd-Cover „Comfortably Numb“ und überzeugte durch einen wilden Mix aus Glam-Rock, Disco-Balladen und ein bisschen Bubblegum- Pop. Vor allem aber Jake Shears Quietsche-Stimme bleibt im Gedächtnis. An den ersten Erfolg konnte der Nachfolger „Ta-Dah!“ 2006 nicht wirklich anknüpfen, zu sehr klaffte die Musikstil-Schere auseinander. Trotzdem blieben neben dem Party-Evergreen „I Don’t Feel Like Dancing“ ein-zwei Songs in Erinnerung.

Zwischen dem ersten und zweiten Album hatten sich die Schwestern zwei Jahre Zeit gelassen, doch nach Ta-Dah! mussten sich Fans vier Jahre gedulden. Zuerst sickerte das Cover des neuen Albums durch. Es zeigte einen knackigen Männer-Po in einem Tänzerhöschen. Im Eck war der Titel in roten 80’s Lettern geschrieben: Night Work. Ein schmuddeliges Versprechen, das die Scissor Sisters auch halten konnten. Schon der gleichnamige Opener führt in eine nächtliche Szenerie, die sich in den hippen Vierteln einer Großstadt abspielt: Neblige Nachtclubs und das feiernde, vorzugsweise queere Partyvolk. Dort findet sich ebenso Power-Pop mit an Country erinnernde Drums bei „Whole New Way“, als auch die absichtlich schief gespielten Töne eines Synthie-Bläsers bei „Sex And Violence“. Im Ohr bleibt auch der Weltwirtschaftskrisen-Song „Runnig Out“ und Ana Matronics „Skin This Cat“.

Als wirklicher Hit wurde Night Work aber wieder nicht gehandelt. Umso mehr wurden Anfang 2012 die Trommeln für das neue Album „Magic Hour“ gerührt, das schließlich Ende Mai erschienen ist. Geködert wurden die Fans diesmal mit einer Liste an Kollaborationen mit nicht nur berühmten, aber auch talentierten Musikern, die sich an der Produktion einzelner Songs beteiligen. Durchgehend taucht der Name Alex Ridha auf, der besser unter seinem Bühnennamen Boys Noize bekannt ist. Er macht selber hartes, schlichtes House. Den Sisters hilft er mit viel House und wenig „schlicht“ aus. Der Opener „Baby Come Home“ ist solider Feel-Good-Pop. Wohlgemerkt „solide“ und nicht „subtil“. Jenes Adjektiv scheinen die Sisters in all den Jahren nicht kennengelernt zu haben. Die weiteren Lieder warten entweder mit zu aufdringlichen Beats und Drums oder übertriebenen Emotionen auf. Natürlich ist Shears der Meister der Balladen, doch hier versüßen sie den Musikbrei so sehr, dass ein Durchhören des Albums kaum noch möglich ist, ohne rosa Sternchen zu sehen.

Den weiteren negativen Aspekt bemerkt man nicht sofort: Es klingt fast alles so, als hätte man es schon mal gehört. Pharrell Williams gibt „Inevitable“ eine soulige Note und macht aus Shears Stimme, das woran sie nur zu oft erinnert: Die Bee Gees. „Keep Your Shoes“ ist das schwule Pendant zu Simian Mobile Discos Ethno-inspiriertem „Bad Blood“. „Self Control“ geht schnell ins Ohr, doch nur weil es sich massive Anleihen an dem 1990er Hit „Show Me Love“ von Robin S. nimmt. Die Spitze des Candy-Bergs ist aber „Only The Horses“, eine Calvin Harris-Kollaboration bei der es zwei Möglichkeiten gibt. Entweder wird der Song neben Guetta-Liedern andauernd in den Clubs und im Mainstream-Radio gespielt, oder aber er ist sogar dafür zu übertrieben. Die billigsten Klavier-Töne reichen hier nicht aus, sie werden nonchalant mit Synthie-Zauberstab-Klängen und Prolo-Bass getoppt.



Im Endeffekt bietet dieses Album trotzdem rare, genussvolle Momente, für jene, die es bis dorthin aushalten. Bei der ersten Single-Auskopplung „Shady Love“ singt Azealia Banks, das Sternchen aus der Blogosphäre, mit. Es ist ein schmutziges Liedchen mit einer unwillkürlich lustigen Stelle: Jake Shears singt mit seinem trotzigen Stimmchen etwas über ein leichtes Mädchen, das ihn an ihrem Vorbau herumfummeln lässt. Und Azealia Banks Solo-Vocals brechen den rhythmischen Rap gelungen auf. Besonderes Highlight ist aber ein einzigartiger Song. „Let’s Have a Kiki“ beginnt mit einem genervten Telefongespräch und karibischen Trommeln im Hintergrund. Plötzlich sind überall diese tuntigen Stimmen, die begleitet von 90’s Beat und exotischen Rasseln eine spontane Party, eine„Kiki“, fordern. Es ist ein herrlich queerer und origineller Track von Ana Matronic, die ihren Jungs zeigt, wie eine echte Ladies Night zu klingen hat.

Verziehen wird all jenen, die gezielt zu ihren Lieblingssongs vorspulen, ohne den Rest anzuhören. „Magic Hour“ ist meistens einfach anstrengend und ermüdend. Es ist kein grottenschlechtes Album, aber hier ist die Marke „Einheitsbrei“ gleich wie die Schulnote „4-“: Einfach schon zu nah an „negativ“.

Scissor Sisters – Magic Hour, Universal Music/Casablanca/Polydor