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Light Asylum – Light Asylum

Grace Jones muss wohl oder übel das Feld räumen, wenn Shannon Funchess in ihrem Teufels-Biker Outfit aufkreuzt und ins Mikrofon grölt. Diese Sängerin sprüht nur so vor dunkler Energie! Zusammen mit ihrem Kollegen Bruno Coviello, der die Rolle des Hohepriesters über die Synthies einnimmt, bilden sie das New Yorker Goth-Electro Duo „Light Asylum“…

Schon vor einiger Zeit – aufgrund der notorischen Single „Dark Allies“ ins Gespräch gekommen – brachten sie endlich ihre erste, gleichnamige LP raus. Für so manchen in der Blogosphäre war das eine langerwartete Notwendigkeit. Das sich die Berichterstattung vor allem auf Funchess fokussierte ist kein Wunder, denn die Sängerin besitzt nicht nur eine außergewöhnliche Stimme, sondern auch ihr Charisma erscheint raumfüllend. Die beiden bedienen sich ganz nonchalant aus dem 80er-Jahre Gothic-Topf und würzen ihre Kreation mit viel Pathos – die polternde Drum Machine, die klingt, als wurde sie kurzerhand auf einem Flohmarkt gekauft und nur kurz abgestaubt, gibt die nötige Schärfe dazu.

Diese Mischung funktioniert bei „Light Asylum“ perfekt, denn sie bringt eine angenehme Nostalgie mit sich, ohne alt zu klingen. „Alles super“-Voraussetzungen also für ein Debütalbum – und trotzdem ist es nicht so, wie es sich viele erhofft haben. Für einige zu viel Pathos, für andere zu wenig Meisterwerk. Hier erkennt man, wie (zu) hohe Erwartungen den Blick trüben können – denn das Album ist wirklich gut gelungen.

Schon der Opener „Hour Fortress“ ist ein Knaller und macht mit den ersten, harschen Takten Lust auf mehr. Funchess singt, als würde sie mit der Tiefe ihrer Stimme Dämonen erwecken wollen. Die Drum Machine feuert Gewehrsalven ab und immer wieder flimmern Synthie-Töne im Hintergrund, die wie die böse Version von Bibbi Blocksbergs Zauberstab-Geräusch klingen. Weiter geht es mit zwei genauso harschen Tracks, wieder mit Pistolenschuss-ähnlichem Beat und ihren aggressiv hingeschmetterten Worten. Kleine Variationen derselben Materie sind die Synthie-Zierharmonika in „IPC“, die an Seemannsmelodien erinnert und die abgewürgten Streicher am Ende von „Pope Will Roll“.

„Heart Of Dust“ ist aufgrund des Chorgesanges melodischer und in Sachen Gesang wird es hier etwas sanfter. Es könnte fast als 80s-Pop durchgehen, wäre da nicht dieses abgrundtief Düstere. Genauso ist es bei „Angels Tongue“. Die Synthesizer spielen immer denselben Loop mit Ausnahme von kleinen, glitzernden Effekten – und Funchess presst die Worte tief aus ihrer Kehle herauf, so dass man den musikalischen Hintergrund fast aus den Ohren verliert. Obwohl die Melodie nach New Romantics-Pop à la „Human League“ klingt, ist es eher wie ein Gebet, das in einer verzweifelten Fürbitte mündet. Im Anschluss daran kommt der Höhepunkt: „Shallow Tears“ ist schon nach erstem Hören das I-Tüpfelchen des Albums. Eine Ballade mit Streichern und pathetischen Trommelschlägen, die eine besondere Eigendynamik entwickelt. Funchess Stimme wächst und wächst, bis sie schließlich in einer Gänsehaut-erzeugenden Arie mündet – Großer Ohrenschmaus mit Feingefühl.

Den Abschluss bildet auch ein sehr harmonischer Titel mit angedeuteten Synthie-Fanfaren und Pferdegewieher: In „A Certain Person“ reitet Funchess nochmal auf ihrem weißen Einhorn durch die düstere Zauberwelt, die sie mit Coviello vom ersten Lied bis zum Letzten aufrechterhalten hat. Mit homogenem Sound wie diesem ist es nicht schwer, eine gewisse Redundanz zu empfinden. Es ist wahr, dass nach dem ersten Durchhören nicht viele Lieder voneinander unterschieden werden können. Textlich lässt Funchess ihre Erfahrungen mit Gott und Mystik einfließen, als Kind wurde sie in einer Baptistengemeinde großgezogen und sie sang im Kirchenchor. In einigen Interviews sprach sie davon, Texte zu schreiben, in die sich Menschen hineinversetzen können und oft singt sie ihre Zuhörer direkt an mit Zeilen wie „No, don’t go away!“ und „Did you met him?“. Letztendlich genießt man aber vor allem diese außergewöhnliche Stimme.

Nach gefühlten 100 Zeilen der Schwärmerei jetzt noch einen Kritikpunkt zu schreiben, scheint unfair, aber auch diese Medaille hat zwei Seiten. Im besten Fall ist man nach mehrmaligem Hören des Albums total mitgerissen und begeistert von „Light Asylum“. Doch bald kann sich das Gefühl einschleichen, dass die Drums zwar Funchess Stimme hervorheben, aber die Songs trotzdem nur an einer Oberfläche kratzen. Ausnahmen sind unter anderem „Shallow Tears“, „A Certain Person“ und „Hour Fortress“, die voller Gefühl und Eigendynamik sind. Wer lieber nicht auf diese bittere Erkenntnis stoßen möchte, kann auch größere Pausen zwischen dem Wieder-Hören des Albums machen, schließlich ist ihre Stimme so flashig, dass sie einen immer wieder packen wird. Genauso wie beim ersten Mal.

Light Asylum – Light Asylum, Cooperative Music/Universal Music