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Livid – Das Blut der Ballerinas

Ihr erstes gemeinsames Filmprojekt À L’Intérieur (Inside, 2007) handelte von einer mysteriösen Frau, die ins Haus der schwangeren Sarah eindringt, um ihr das ungeborene Kind aus dem Leib zu schneiden…

Was hier klingt wie der ultimative Inbegriff des Grauens, entsprang den wahnsinnigen Gehirnwindungen des französischen Regisseur-Duos Julien Maury und Alexandre Bustillo und ließ das in den letzten Jahren schwächelnde Horrorgenre zu neuer elektrisierender Höchstform aufblühen. Im Auftrag von Hollywood sollten Maury und Bustillo anschließend ein Remake von Hellraiser realisieren. Doch im Angesicht des von ihnen präsentierten Drehbuchs, das die kümmerliche Vorstellungskraft der amerikanischen Blockbuster-Schmiede wohl bei weitem sprengte, scheiterte der Deal und die beiden Regisseure kehrten nach Europa zurück, um in Livide (Livid, 2011) ihren außergewöhnlichen Horrorkünsten weiterhin uneingeschränkten Lauf zu lassen.

Die junge Lucy begleitet darin im Rahmen ihrer Ausbildung eine Altenpflegerin bei ihren Hausbesuchen. Den schauerlichen Höhepunkt ihres ersten Arbeitstages erlebt das furchtlose Mädchen in einem langsam vor sich hin modernden Herrenhaus abseits der Stadt. Wie auf einem gespenstischen Thron aufgebahrt liegt hier die dämonisch durch ihr Atemgerät röchelnde Komapatientin Mrs. Deborah Jessel, einst eiserne Ballett-Lehrerin, die mit ihrem langsam verfallenden, hexenhaften Erscheinungsbild dem Wort „uralt“ zu einem neuen Superlativ verholfen hat.

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Während man als Zuschauer bereits an diesem Punkt im Kinosessel vollends erstarrt ist, wild hin- und hergerissen zwischen dem Instinkt, den Pullover bis über die Augen zu ziehen oder aber den Saal fluchtartig zu verlassen, handelt Lucy gegen jeglichen besseren Verstand und begibt sich in der folgenden Nacht mit zwei Freunden auf die Suche nach einem Schatz, den die Alte in den labyrinthartigen Untiefen des Gemäuers versteckt haben soll. Was die drei jungen Eindringlinge auf ihrer Diebestour dort alles vorfinden, sprengt schon bald die Grenzen des Fassbaren. Und dabei ist die halbtote Greisin im letzten Stock, die – so verrät schon das Gesetz des Genres – ihre fest verschlossenen Augen früher oder später aufschlagen wird, noch das geringste allen Übels.

Livid wartet nicht nur mit bizarren Ungeheuerlichkeiten auf, die sich der eigenen Vorstellungskraft zu entziehen drohen, sondern lässt auch in markerschütternder Bild- und Soundästhetik Versatzstücke aus der gotischen Schauerromantik, den Grimm Märchen, Dario Argentos 70er Jahre Meisterwerk Suspiria sowie aus den japanischen Horrorfilmen ineinanderfließen. Das Ergebnis bewegt sich weit abseits jeder Logik, gleitet vom haarsträubend Unheimlichen über sorgfältig gesetzte Schockmomente bis hin zum reinsten Splatter-Irrsinn und wieder zurück ins Herz des abgrundtief Schwarz-Romantischen.

Maury und Bustillo konfrontieren uns mit einem mystischen und irrationalen Grauen, das man in diesem Genre heute leider viel zu selten zu Gesicht bekommt, mit einem Horror, so wie er sein soll – nämlich unfassbar, Grenzen sprengend, phantastisch und absolut unbändig. Livid ist eine Bestie mit unberechenbarer Angriffslust, reißenden Zähnen und abscheulicher Schönheit, von der man sich nicht abwenden kann. Livid ist der Stoff, aus dem jene Alpträume gemacht sind, die man sein Leben lang nicht mehr vergessen wird.

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  • origineller, schauerromantischer Horror
  • alptraumhaft und irrational
  • kuriose Mischung aus Grusel und Splatter

 

Regie und Drehbuch: Julien Maury, Alexandre Bustillo,
Darsteller: Jérémy Kapone, Chloé Coulloud, Catherine Jacob,
Félix Moati, Marie-Claude Pietragalla, Chloé Marcq,
Laufzeit: 91 Minuten, gezeigt beim Crossing Europe
Filmfestival 2012, im Rahmen von /slashing Europe am
03.05. im Filmcasino

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