Sommer-1972-©-2012-Filmladen

Sommer 1972

Man denkt an die vielen Familienfotos, die vor grob geblümeltem, meist gesticktem Vorhang gemacht wurden – vielleicht hat man diese Zeit selbst schon miterlebt? Einen Ausflug in die persönliche Vergangenheit der Regisseurin und Hauptdarstellerin Wilma Calisir macht diesen österreichischen Dokumentarfilm zu einer speziellen und interessanten Zeitreise …

Der Film setzt da ein, wo die Geschichte beginnt: im Sommer 1972. Der gleichnamige Titel verrät sozusagen schon den Anfang einer Familiengeschichte, die jeder von uns in einer gewissen Art und Weise schon mal gesehen hat. Dennoch schafft es der erste Langfilm von Regisseurin Wilma Calisir während der kompletten Zeit zu fesseln. Natürlich wird man nicht in den Kinositz gepresst, wie bei manchem Thriller, doch „Sommer 1972“ bewegt an vielen Stellen und verliert manchmal sogar den Doku-Charakter.

Wilma und ihre Schwester Doris machen sich gemeinsam mit deren Onkel auf den Weg in die Türkei um ihre Vergangenheit zu erforschen – mit einem VW Transporter und per Autozug. Die beiden jungen Frauen sind die Töchter einer österreich-türkischen Verbindung, die im Sommer 1972 entstand. Um alles herauszufinden, was damals geschehen war, begibt sich Wilma auf ein Drahtseil, denn sie befragt Mutter, Vater, Onkel, Schwester, die Tante in der Türkei. Mit dem Suchen und Finden ihrer Wurzeln begann sie schon früher und machte einen Türkisch-Kurs.

Die Frage, die sich durch den ganzen Film wie ein roter Faden zieht: „Was waren deine ersten Worte auf Türkisch / auf Deutsch?“ Diese Frage konnte nicht immer ganz genau beantwortet werden und auch manche anderen blieben offen, weil die InterviewpartnerInnen es nicht mehr wussten oder es zu sehr schmerzte. Einige Male wurde die Kamera ausgeschalten, damit sich Wilmas Vater die Tränen wegwischen konnte. Trotzdem kann man sich dank einigen witzigen Szenen das ein oder andere Lachen nicht verkneifen.

„Sommer 1972“ regt zum Nachdenken an und beschäftigt sich mit den Themen Scheidung, Ehe, Taufe, Religion, Ausländer, das Fremde bzw. das Andere, Familie, Sprache, Geographie, Generationen, Mentalitäten, Gewohnheiten usw. Auch die Schwesternbeziehung wird thematisiert. 

Ein berührender österreichischer Dokumentarfilm mit vielen Bildern aus der Türkei und Österreich, mit starken Menschen als Darsteller und Problemen, die man selbst vielleicht auch kennt. Im Hintergrund angenehme Musik, die diesen Dokumentarfilm einmal mehr zum Spielfilm als zur Doku macht. Für die 1981 geborene Regisseurin Wilma Calisir gleicht die Familiengeschichte einem Spinnennetz: „Jeder Faden folgt einer anderen Richtung und doch wirken alle zusammen.“

Regie: Wilma Calisir, Drehbuch: Wilma Calisir, Darsteller: Wilma Calisir, Hatice Aydın, Ali Bakı, Asye Çalısır, Can Calisir, Doris Calisir u.a., Laufzeit: 89 Minuten, Kinostart: 13.04.2012