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Die Piraten – Ein Haufen merkwürdiger Typen

Augenklappe, Zahnlücken und Holzbein. Verdreckt, barbarisch und abenteuerlustig. Den Papagei auf der Schulter und den Säbel stets mit einem grimmigen „Harrrhhhh!“ gezückt…

So hat sich das klassische Bild des Piraten, maßgeblich geprägt von Robert L. Stevensons Abenteuerroman „Treasure Island“ aus dem Jahr 1883, seit Kindheit an in unsere Köpfe gebrannt. Viele Jahre später schwankt Johnny Depp als Captain Jack Sparrow über die Leinwände und rempelt den souveränen Piraten-Prototypen graziös von der Planke. Sparrow steht leicht neben der Rolle, läuft im Angesicht des Kampfes lieber davon und überlebt eher dank Gewitztheit und Glück als durch den Einsatz seines Säbels.

Die Macher von „Chicken Run“ und „Wallace & Gromit“ gehen nun mit ihrem neuesten Animations-Spektakel „The Pirates – Band of Misfits“, natürlich in 3D, einen dreisten Schritt weiter und treiben ihren Piraten auch das letzte bisschen Garstigkeit aus. Was übrig bleibt vom Schrecken aller Weltmeere ist eine tollpatschige und wahrlich drollige Piraten-Crew, die, angeführt von einem frustrierten Captain, vor jeglicher Gefahr Reißaus nimmt, statt der Augenklappe lieber zur Beauty Maske greift und sämtliche Kaperversuche gewaltig in den Sand setzt – kurzum: ein armseliger Haufen von Losern, angesichts derer sich Long John Silver und Captain Flint in ihren Gräbern umdrehen würden.


 

Dass dem Haufen merkwürdiger Typen dann doch noch ein richtiges Abenteuer aufgezwungen wird, ist vor allem dreierlei Faktoren zu verdanken: Erstens der blinden Obsession des Captains, endlich einmal den begehrten Pirate of the Year – Award abzustauben; zweitens einem jungen Charles Darwin, der den Schiffspapagei als Dodo entlarvt und bei einem Wissenschafts – Wettbewerb im viktorianischen London vorführen will; und drittens der Queen Victoria, die neben ihrem Heißhunger auf bedrohte Tierarten scheinbar ebenso gern Köpfe rollen sieht wie die Herzkönigin – vor allem wenn es sich um Piratenköpfe handelt.

Als der Trailer zu „Die Piraten“ online ging, haben sich wohl sämtliche „Wallace & Gromit“ Liebhaber gefreut wie kleine Kinder. Denn auch hier setzt Regisseur Peter Lord, wie schon in seinen bisherigen Animationsfilmen, auf die äußerst aufwendige, jedoch in ihrem ganz besonderen Flair wohl nicht zu übertreffende Stop Motion Technik. So besteht zum Beispiel, als kleiner Fakt am Rande, das von Hand gefertigte Piratenschiff aus 44,569 Teilen, und um den liebevoll gestalteten Figuren eigenes Leben sowie Sprache einzuhauchen, waren allein 6,818 Mundstücke notwendig. Neben dem charmant plastischen Look gibt es in Stop Motion Animationen oft viel Liebe fürs Detail zu entdecken – so besticht hier wohl vor allem die kuriose Bart-Pracht von so manchem Piraten, die allerdings auch leicht mit einem Wischmop verwechselt werden könnte.

Doch leider – und es ist ein sehr enttäuschtes „leider“ – vermag selbst der liebenswerte Stop Motion Stil hier nicht darüber hinweg zu täuschen, dass nette Piraten ganz einfach absolut langweilig sind. Zwar wird hier versucht, das Piraten-Genre in familien- und kindgerechter Unterhaltungsmanier ein wenig auf den Kopf zu stellen, der Humor plätschert dabei jedoch recht oberflächlich dahin und wirkliche Originalität lässt der Film bedauerlicherweise nur an den äußersten Rändern der Handlung aufblitzen. Gerne hätte man mehr von den kuriosen ausgestopften Tieren des Charles Darwin, den überaus geistreichen Erfindungen der Wissenschaftler (wie der Urform des Telefons – natürlich bestehend aus Dose und Schnur) oder dem skurrilen Wal-Schiff gesehen. Und auch die Queen Victoria erweist sich als eher schwache Version der Herzkönigin. Wirklich genieren sollten sich die Macher allerdings allein für die einfallslose Musikuntermalung, in der sämtliche Pophits der Musikgeschichte (und ein unschuldiger grandioser „Flight of the Conchords“ – Song) in schonungsloser Willkür aneinander geklatscht wurden.

Erwähnenswert ist letztlich vielleicht für alle Freunde von britischen Serien, dass in „Die Piraten“ (abseits von Hugh Grant als Pirate Captain) sämtliche Schauspieler bekannt aus „Doctor Who“, „Extras“, „Being Human“ oder „Little Britain“ als Sprecher agieren – sowie außerdem die halbe Harry Potter – Cast.

Regie: Peter Lord, Drehbuch: Gideon Defoe, Sprecher (OV): Hugh Grant,Martin Freeman, Salma Hayek, Jeremy Piven, Ashley Jensen,David Tennant, Russell Tovey, Brendan Gleeson, Imelda Staunton, Filmlänge: 88 Minuten, Kinostart: 30.03.2012




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