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Halt auf freier Strecke

Auf die Malediven wollte Frank nie, sein I-Phone bekommen seine Kinder. Frank hat einen unheilbaren Kopftumor und wird von der Diagnose brutal aus dem Leben gerissen. „Halt auf freier Strecke“ begleitet Frank und seine Familie durch seine letzten Monate…

Es geht um eine durchschnittliche vierköpfige Familie, die in einem erst kürzlich erworbenen Reihenhaus irgendwo in Norddeutschland lebt. Und dann passiert es: der Familienvater Frank erfährt, dass er einen nicht operierbaren Kopftumor hat und dass ihm nur noch wenige Monate zu leben bleiben. Der Film begleitet die Familie auf eine schlichte, stille und schonungslose Art und Weise von der Diagnose bis zu seinem Tod, und schlägt dabei mit einer unerwarteten Wucht ein.

Anfangs merkt man Frank die Krankheit nicht an, doch dann setzt ihm die Bestrahlung zu und der Tumor verändert seine Persönlichkeit. Er vergisst elementare Dinge, ist orientierungslos, schwach und jähzornig seiner Frau gegenüber. Trotzdem beschließt sie ihn zu Hause zu pflegen und langsam verabschiedet sich Frank von seiner Familie. Der Film verheimlicht dem Zuseher dabei nichts, er zeigt den physischen und psychischen Verfall, den die Krankheit auslöst. Schwächeanfälle, erbrechen, Krämpfe sowie der sensible oder manchmal auch unbeholfene Umgang der Familie werden auf die Leinwand gebracht. Die Machtlosigkeit gegenüber der Krankheit ist erschütternd. Als Zuseher möchte man an manchen Stellen aus dem Kino flüchten, man ist aber zu berührt es auch zu tun.

Der Regisseur Andreas Dresen drehte diesen Film in Zusammenarbeit mit Schauspielern und Ärzten. Es gab kein Drehbuch, sondern gemeinsam mit seinem Team entwickelte er die Figuren und einen groben Ablauf. Der Rest entstand aus der gemeinsamen Arbeit heraus und wahrscheinlich wirkt der Film deshalb auch derart ungekünstelt. Es gibt praktisch keine Filmmusik, lange Einstellungen und viele Großaufnahmen, wodurch der Film beinahe einen dokumentarischen Charakter gewinnt: die Kamera als Beobachter, von Inszenzierung ist nichts zu merken.

Trotz der Tragik und Ernsthaftigkeit des Themas wird man immer wieder von auflockerndem Galgenhumor überrascht. Sohn Mika zum Beispiel fragt seinen Vater ob er tatsächlich sterben würde und ob er dann sein I-Phone bekäme – als Zuseher könnte man an dieser Stelle in Tränen ausbrechen, lachend und weinend zugleich. Das I-Phone nimmt eine wichtige Rolle in der Geschichte ein, denn Frank filmt sich immer wieder selbst damit und verabschiedet sich ganz privat von seiner Familie und seinem Leben.

Obwohl der Film starke Emotionen auslöst ist er unaufdringlich, ehrlich und still. Doch gerade das ist unerträglich und traurig. „Halt auf freier Strecke“ ist kein Streifen für einen entspannten Abend, er fährt unter die Haut und lässt seine Zuseher nicht einfach wieder los. Warum sollte man sich „Halt auf freier Strecke“ trotzdem anschauen? Ganz einfach: Weil er ganz nah am Leben ist, weil er weder beschönigend noch dramatisierend eine fiktive Wirklichkeit abbildet und uns auf den Boden der Realität zurückholen kann. Aber garantiert verlässt man das Kino mit Tränen in den Augen.

Regie: Andreas Dresen, Darsteller: Milan Peschel, Steffi Kühnert, Talisa Lilli Lemke, Mika Nilson Seidel, Laufzeit: 110 Minuten, Kinostart: 24.2.2012