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Hugo Cabret

7
Drama

Technisches Wunderwerk und Attraktion – In seinen ersten Jahrzehnten war der Film ein Jahrmarktsspektakel, das vor allem Schaulust und Neugier des Publikums befriedigte. Zugleich führte er eine Welt vor Augen, die man so noch nie gesehen hatte: die Realität.

Zwischen Fiktion und Dokumentation erprobten die Filmpioniere die technischen und künstlerischen Möglichkeiten des neuen Mediums. Einer dieser Pioniere, zugleich der große Magier des Kinos, war Georges Méliès, dem Martin Scorsese sein neuestes Machwerk widmet.

„Hugo Cabret“ basiert auf dem Kinderbuch „The Invention of Hugo Cabret“ von Brian Selznick. Ein verwaister Junge namens Hugo Cabret (Asa Butterfield) sorgt im Pariser Bahnhof Montparnasse dafür, dass die Uhren nicht stillstehen. Er lebt im Verborgenen, beobachtet das Treiben des Bahnhofs und kommt nur hervor, um sich etwas zu essen oder andere Kleinigkeiten zu besorgen, also zu stehlen. Als er sich am Spielzeugkiosk vergreifen möchte, ertappt ihn der Besitzer, ein älterer, etwas mürrisch anmutender Herr (Ben Kingsley), und zwingt Hugo ihm sein gesamtes Diebesgut auszuhändigen. Darunter befindet sich ein ledernes Notizbuch seines verstorbenen Vaters, das die Anleitung zur Wiedererweckung eines menschlichen Automaten enthält. Um es zurück zu bekommen, verbündet er sich mit Isabelle (Chloë Grace Morett). Gemeinsam lösen sie das Geheimnis des Automaten und kommen dadurch einem noch viel größeren auf die Spur…

Scorsese hat sich mit dem Projekt viel vorgenommen: einen Familien- und Kinderfilm, in Verbindung mit der frühen Filmgeschichte, in modernster Filmtechnik à la 3D. Ein ungewöhnlicher Stoff für einen Scorsese. Manches funktioniert dann auch weniger gut, manches mehr.

Was an „Hugo Cabret“ am meisten beeindruckt, ist die Technik. Handelte es sich bei fast allen bisherigen 3D-Produktionen um eine Spielerei ohne besonderen Mehrwert, erschafft die Technik hier tatsächlich eine kleine, zauberhafte Welt voll Detailreichtum und Lebendigkeit. Doch obwohl es sich um ein fabelhaftes Setting handelt, ist das Experiment „Film für die ganze Familie“ weniger geglückt. Zwar bemüht sich Scorsese eine Perspektive der ‚Kleinen‘ zu zeigen, es bleibt rein technisch, dramaturgisch wirkt es unbeholfen. Was an Spannung fehlt, wird durch Rührseligkeit ausgeglichen.

Mitverantwortlich dafür dürfte auch das Drehbuch sein, das viele Szenen vorhersehbar konstruiert und andere verdoppelt, indem es das Gesehene im Dialog noch einmal erklärend nacherzählt. Das hat sich in Hollywood in gewissen Kreisen so eingebürgert und kann als Unart bezeichnet werden. Umso mehr gilt es in Anbetracht der Zielgruppe, denn diese besitzt ausreichend Phantasie um zu verstehen.

Auch die Schauspieler wirken zu steif um sich spielerisch in den Plot einzufinden. Asa Butterfields Ausdruck beschränkt sich auf große, flehentlich dreinschauende Augen (Frodo lässt grüßen). Allein in wenigen Nebenfiguren, besonders in der karikaturhaften Figur des Stationsinspektors (Sacha Baron Cohen) findet sich ein Anklang davon, was möglich gewesen wäre.

Was Méliès und Scorsese verbindet, ist die Anwendung von Filmtechnik zur Erzeugung einer eigenen Welt. Méliès experimentierte damals mit Stopptrick, Mehrfachbelichtung oder Überblendungen. Er vollführte Zaubertricks mit der Kamera und ließ eine Rakete in ein Auge eines Mondgesichts schießen („Die Reise zum Mond“, 1902, gilt als der erste Science-Fiction-Film der Geschichte). Scorsese steht dem in nichts nach. Er stellt das Zugunglück von Montparnasse nach, wo ein Zug die Absperrung durchbricht und aus dem Bahnhofsgebäude stürzt. Ein anderes Mal lässt er Hugo einen Uhrzeiger entlanghanteln, wie im Film „Safety Last“ (1923), den sich Hugo und Isabelle zuvor im Kino angesehen haben.

Schlussendlich ist „Hugo Cabret“ so etwas wie ein Kinderfilm für Erwachsene. Martin Scorsese beherrscht die Technik, doch seiner Regie fehlt die Leichtigkeit des „Come and dream with me“ von Georges Méliès. Er ist ein Konstrukteur, kein Magier.

Hugo Cabret (OT: Hugo): Regie: Martin Scorsese, Drehbuch: John Logan, Darsteller: Asa Butterfield, Ben Kingsley, Chloë Grace Morett, Sacha Baron Cohen, Jude Law, Christopher Lee, Länge: 126 Minuten, Kinostart: 10.2.2012

Gastkommentar von Johannes Edl (Consol Media Verlag)

„Wer möchte in den neuen Martin Scorsese?“, schallte es durch unseren Verlag. Nominiert für 11 Oscars!! (unter anderem „Bester Film“ und „Beste Regie“).

Digital 3D war ein wenig gewöhnungsbedürftig, aber die Bildkompositionen sind gewaltig und man taucht regelrecht in die tickenden Uhren des Bahnhofsgebäudes ein.

Die ganze Geschichte ist sehr familienfreundlich, mehr noch, fantasievoll und schwermütig zugleich und es gibt weder rohe Gewalt (was Martin Scorsese wahrscheinlich schwer gefallen sein dürfte) noch Szenen, bei denen sich Kinder die Augen zuhalten werden, was aufgrund der 3D Brille sowieso nicht leicht möglich wäre.

Meine Wertung: 8/10

+ Bildgewaltig
+ „echtes“ 3D
+ interessante Kinderdarsteller



  • hirngespinst

    ich weiß auch nicht, was alle mit dem film haben. fand ihn streckenweise ziemlich langweilig und blöd. müsste man einmal mit einem kind austesten, würde mich interessieren, wie die den film finden. aber die technik ist wirklich nicht schlecht.

    • Obwohl der Film so arg gehyped wurde und fast durchwegs gute Kritiken bekommen hat, hab ich irgendwie überhaupt kein Verlangen diesen Film zu sehen. Zumindest steht er nicht mehr hoch im Kurs unter meinen Filmen, die ich sehen will.