Totem-©-2011-Schlicht-&-Ergreifend-Filmproduktion

Totem

Wo Viennale drauf steht – da ist auch Viennale drin. Und manchmal heißt das auch, dass man bei der persönlichen Filmauswahl ein bisschen risikofreudig sein muss.

Denn nicht immer ist es ein Leichtes, aus der schier endlosen Fülle des Viennaleprogrammhefts, in dem auf so vielversprechende Weise doch beinahe jeder einzelne Film als unbestreitbares Meisterwerk angepriesen wird, auch die tatsächlichen Meisterwerke herauszufischen. Und dennoch: Am meisten Spaß macht die Viennale erst dann, wenn man sich weit abseits der großen Festival-Hits aufs glatte Eis begibt und auch unbekannteren kleinen Filmen eine Chance gibt. Nicht selten wird das Risiko dabei mit Kinoerlebnissen belohnt, die sprachlos machen – in positivem Sinne.

Totem ist so ein Wunderfilm im Abseits. Ob es dieses ganz und gar eigenartige, irritierende, grauenerregende Low Budget – Spielfilmdebüt von Jessica Krummacher auch außerhalb der Festivallandschaft auf die heimischen Leinwände schaffen wird, ist wohl bedauerlicher Weise eher fraglich. Und dabei stellt Totem doch wieder einmal so schockierend unter Beweis, wie schön wirkungsvoll hässliches Kino sein kann.

Vorstadtidylle sieht anders aus. Krummacher, die bislang vor allem dokumentarische Arbeiten realisierte, porträtiert in ihrem Film das Leben der scheinbar in den sinnlosen Tag hineinlebenden Familie Bauer. Wie vom Alltag erschlagen vegetieren Vater, Mutter, Tochter und kleiner Sohn hier in ihrem eigenen Dreck vor sich hin – eine Haushaltshilfe soll Erleichterung verschaffen, den täglichen Mist beseitigen und sich um die Kinder kümmern. Doch die junge und schweigsame Fiona erweist sich schon bald als ebenso undurchsichtig und eigenartig wie das familiäre Umfeld, in das sie sich freiwillig gestürzt hat – vielleicht um ein wenig Geld zu verdienen und ihrer eigenen Familie zu entkommen, vielleicht aber auch aus ganz anderen Gründen. Zunehmend gerät Fiona in Konflikte mit den Familienmitgliedern, lässt sich auf seltsamste Weise demütigen, flucht heimlich leise vor sich hin, geht auf Zuggleisen über der Autobahn spazieren und wiegt die beiden Säuglinge, deren immerwährender regungsloser Schlafzustand ein Grauen ausstrahlt, das verstörender kaum sein könnte.

In Totem existiert kein Himmel. Stattdessen konzentriert sich der klaustrophobische Kamerablick auf das in Unbehaglichkeit erstarrte Einfamilienhaus der Bauers und dessen winzigen Vorgarten – für alle Ewigkeit eingemauert von scheinbar undurchdringlichem Dickicht und einer stark befahrenen Straße. Wie ohnmächtige Beobachter sitzen wir mitten im unangenehm rätselhaften Geschehen, aus dem es so gar kein Entkommen zu geben scheint. Die trostlose Umgebung, die grau-schäbige Achziger Jahre Ausstattung, die unvorteilhaften Kleider und letztlich auch die Menschen mit ihren erschreckend ausdruckslosen Gesichtern und leeren Augen präsentieren eine Hässlichkeit und Sinnlosigkeit, wie sie selbst Sozialpornograph Ulrich Seidl nicht besser einfangen hätte können: Das Menschsein in unserer Gesellschaft von seiner unappetitlichsten, absurdesten, unverständlichsten und traurigsten Seite.

Krummacher, die sich nach eigenen Angaben von einem wahren Fall inspirieren ließ und im Q&A nach der Viennale-Vorführung erklärte, dass es erschreckender Weise in ihrer Heimat, dem Ruhrgebiet, zahlreiche derartige Familien anzutreffen gäbe, legt mit ihrer nüchternen, von Zeit und Ort losgelösten Inszenierung, mit all den sich gegenseitig an Absonderlichkeit übertrumpfenden Alltags-Szenen im Hause der Bauers einen unscheinbaren und beklemmenden Horror offen, der sich vom ersten Moment an wie ein gnadenloser Strick um die Kehle zu schnüren beginnt. Dabei hält Krummacher alles Wesentliche im Verborgenen, lässt eine groteske Undurchsichtigkeit regieren, die einen fast um den Verstand bringt. Antworten sucht man hier vergebens.

Nur die gegen Ende immer wieder aus dem Off erklingende Stimme der sonst so wortkargen Fiona wirft einen kleinen Lichtstrahl ins Dunkel, wenn sie mit philosophisch abgründiger Einsicht die erdrückende Familienkonstellation und ihre eigene Rolle darin auf den Punkt bringt. Denn Fiona ist gekommen, um das Heute zu behaupten – ohne zu fragen, warum. Und dieses Heute, das uns in Totem entgegen tritt, strahlt in seiner ganzen alltäglichen Abnormalität ein derart unheilvolles Störgeräusch aus, dass dieses auch noch über den Abspann hinaus eine ganze Weile nachdröhnen wird.

Regie & Drehbuch: Jessica Krummacher, Darsteller: Marina Frenk, Natja Brunckhorst, Benno Ifland, Alissa Wilms, Laufzeit: 86 Minuten, gezeigt im Rahmen der Viennale 2011