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Anonymus

Wer war William Shakespeare? Der größte englische Dichter aller Zeiten? Oder doch ein Betrüger?Dieser Frage geht Roland Emmerich in seinem neuesten Film nach, und schafft damit einen eigenen Reigen um Intrigen und Macht (wieder mal).

Emmerich erlangte seine bisherige Popularität nicht gerade mit Historienfilmen. Aber wer sagt, dass Geschichte nicht genau das ist: Märchen, Action, Katastrophe, Endzeit? Für Roland Emmerich ist sie das jedenfalls. Er führt uns vor, dass hinter den Shakespeare zugeschriebenen Werken eigentlich Edward de Vere, der 17. Earl of Oxford (Rhys Ifans) steht. Will Shakespeare (Rafe Spall) selbst ist ein Mann des Pöbels, ein untalentierter Schauspieler in einem Theater in London, der sich als Verfasser der größten Dramen der englischen Literatur ausgibt. Der Earl of Oxford selbst konnte seine Werke nicht aufführen lassen, da Literatur für den Adel der Elisabethinischen Zeit als unziemliche Beschäftigung galt. Obwohl auch Königin Elizabeth I. (Vanessa Redgrave als alternde Queen) eine spezielle Neigung dafür hatte. Ausgelebt hat sie diese in jüngeren Jahren (gespielt von Redgraves Tochter Joelly Richardson) in einer Affäre mit dem jünglinghaften Edward de Vere (Jamie Campell Bower), der das Liebesspiel mit Wortejakulationen anzuregen verstand. Im Alter verfolgt Edward mit seiner Kunst aber andere Ziele: Er möchte durch die Macht der Worte die Masse bewegen und damit direkt in die Politik, die Thronfolge, eingreifen.


Die Geschichte inszeniert Emmerich in vielen Rückblenden und Rückblenden in Rückblenden. Wer mit wem bzw. wer von wem ist nicht immer gleich ersichtlich. Opulente Kostüme, überfließende Schminke und ein computergeneriertes London erzeugen eine regelrechte Bildgewalt, die inhaltlich von Intrigen, Verrat, Lüsternheit, Inzucht und wer weiß noch allem gespeist wird. Die Schauspieler tun ihr Bestes um damit Schritt zu halten.

Zwar ist es eine Tatsache, dass es fast keine Zeugnisse über Shakespeares Person und Leben gibt und sogar die Literaturwissenschaft von dieser Ungewissheit  getrieben zu unterschiedlichsten Shakespeare-in Wirklichkeit-Varianten gelangt. Um seine Version der Geschichte darzustellen, würfelt Emmerich aber frei nach Lust und Laune alle historischen Fakten durcheinander – was er ja darf, immerhin ist er Regisseur und nicht Wissenschaftler. Und dass sein Arbeitsplatz Hollywood mehr mit Träumen als mit Geschichte zu tun hat, weiß man auch. Aber man sollte doch wissen, dass das Geschehen auf der Leinwand nicht einmal chronologisch möglich wäre. Manche der Figuren sind schon längst verstorben oder Komödien werden von kleinen Mädchen geschrieben, bevor die Komödie noch erfunden wurde. Denn es scheint so, dass die vielen Unstimmigkeiten und Unverständlichkeiten im Film durch die nicht geleistete Mühe zur Schlüssigkeit und zur Auflösung chronologischer Widersprüche hervorgerufen wird. Manches ist dann einfach nur absurd.

Ja, das ist sehr frech von Roland Emmerich. Auf der anderen Seite: Hat er nicht auch schon das Weiße Haus von Aliens zerstören und New York, allen voran die Freiheitsstatue, fluten lassen? Emmerich macht, was er will und was er kann, und das macht er ja nicht schlecht. Nur wozu, bleibt dahingestellt. Das Ganze wäre ohne Shakespeare genauso gut, wahrscheinlich sogar besser geworden. Im Stile einer Verschwörungstheorie beginnt „Anonymus“ mit dem Angebot: “Let me offer you a different story, a darker story.“ Aber mir soll bitte einmal jemand erklären: Wer hätte was davon, wenn Shakespeare nicht Shakespeare gewesen ist? 

Regie: Roland Emmerich, Drehbuch: John Orloff, Darsteller: Rhys Ifans, Vanessa Redgrave, Sebastian Armesto, Rafe Spall, Laufzeit: Minuten, Kinostart: 11.11.2011