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The Debt

Schuld und Verpflichtung sind Begriffe, die wie kaum andere für die Auseinandersetzung mit den Verbrechen des Nationalsozialismus stehen. In „Eine offene Rechnung“ (im englischen Original „The Debt“) widmet sich der Brite John Madden – Regisseur des preisgekrönten Dramas „Shakespeare in Love“ – dieser Thematik in Form eines Remakes des israelischen Films „Der Preis der Vergeltung“ von Assaf Bernstein…

David (Sam Worthington), Stephan (Marton Csokas) und Rachel (Jessica Chastain), Agenten des israelischen Geheimdienstes Mossad, haben den Auftrag den ehemaligen, im DDR-Berlin des Jahres 1966 als Gynäkologe praktizierenden, Chirurgen von Birkenau (Jesper Christensen) nach Israel zu bringen. Dort soll er für seine Kriegsverbrechen vor Gericht gestellt werden. Die Ausführung des Auftrags führt die Agenten an psychische und emotionale Grenzen. Dreißig Jahre danach werden sie (nun gespielt von Helen Mirren, Ciarán Hinds und Tom Wilkinson) in Israel als Helden gefeiert. Doch, was damals wirklich geschah, weiß niemand und droht nun ans Licht zu kommen. Rachel muss die Mission zu Ende bringen.

Madden erzählt nicht linear-chronologisch, sondern führt die Geschehnisse der Vergangenheit in Rückblenden herbei. Überraschend ist, dass sich der Film dabei immer mehr zu einem Drama entfaltet. Der Spannungsaufbau des Thrillers verliert sich relativ rasch und weicht einer eindringlichen Charakterisierung der Agenten. Zwischen ihnen entwickelt sich eine Dreiecks-Beziehung, die wesentlich für den Verlauf der Handlung und des Auftrags ist. Die Vergangenheit, das in den Erinnerungen und der Haltung der Agenten nachklingende Trauma des Holocaust, liegt wie ein Schatten über der eigentlichen Erzählung und ihren Protagonisten. Das persönliche Schicksal ist vom Schicksal des Volkes nicht zu trennen. Das macht den Auftrag zu einer Heil stiftenden Mission, die nicht scheitern darf. Der Kreislauf von Schuld und Verpflichtung setzt ein.


 

„Eine offene Rechnung“ wird getragen von den herausragenden Leistungen der Schauspieler. Nicht nur Grand-Dame Helen Mirren spielt in gewohnter Manier, auch Worthington, Csokas und Chastain zeigen Qualität. Besonders Chastain (die ihre bebende Gefühlswelt bereits in „The Tree of Life“ auf ihr Gesicht zu zaubern verstand) gelingt es, die Grenzwanderung zwischen professioneller Agentin und emotionaler Verstrickung zu verdeutlichen. Großartig zeigt das eine Szene, in der sich Rachel einer gynäkologischen Untersuchung durch den ehemaligen KZ-Chirurgen unterzieht – die wenigen Minuten sind aufgeladen mit dem inneren Kampf von Angst, Ekel, Hass und Stärke. Prägnant sind auch die Sequenzen der Gespräche zwischen dem gefangen gehaltenen Arzt und den Agenten. Sie entwickeln sich zu einem Psychodrama, in dem die konkreten Personen immer mehr in den Hintergrund treten und der Nazi den Juden gegenüber steht.

Die erzählte Vergangenheit hat mehr Tiefe und Dynamik als der Erzählstrang der Gegenwart. Dieser wandelt sich wieder zum Thriller und gipfelt in einem Showdown. Für den dramatischen Verlauf der Handlung hätte sich ein anderes Ende angeboten. So schwankt der Film zwischen Thriller und Drama und führt beide Ebenen zu Ende, ohne sie ineinander aufgehen zu lassen. Spannung und Action verlieren in dieser Dramaturgie, denn, was der Stoff davon bereithalten würde, zeigt der Trailer.

Regie: John Madden, Drehbuch: Matthew Vaughn, Jane Goldberg, Peter Straughan, Darsteller: Sam Worthington, Marton Csokas, Jessica Chastain, Helen Mirren, Ciarán Hinds, Tom Wilkinson, Jesper Christensen, Laufzeit: 113 Minuten, Kinostart: 23.09.2011