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Sommer In Orange

Wer den an wienerischer Authentizität wohl kaum zu übertreffenden Lieblingsproleten des österreichischen Films – Georg Friedrich – immer schon einmal in rosarotem Kommunen-Outfit meditieren sehen wollte, der darf sich Marcus H. Rosenmüllers (Wer früher stirbt ist länger tot) neuesten und natürlich wieder waschecht bayerischen Filmstreich wohl nicht entgehen lassen. Für alle anderen, die tatsächlich noch etwas mehr Anregung benötigen, soll hier weiter ausgeholt werden…

Wir schreiben das Jahr 1980. Das bayerische Provinznest Talbichl fühlt sich mächtig bedroht. Doch es sind nicht etwa Satanisten, die sich auf dem leerstehenden Huberhof eingenistet haben und das friedlich-biedere Dorfleben in Unruhe versetzen. Viel schlimmer noch: Es handelt sich um eine Berliner Bhagwan-Kommune, die bei vollem Energiefluss damit beschäftigt ist, ihren indischen Oberguru anzubeten, auf dem Stein der Erleuchtung halbnackt meditative Mantras zu singen und die eigene Kindheit zu verarbeiten. Bald schon trifft verklemmte Spießigkeit auf freie Liebe, Urschrei-Therapie auf Schützenverein und Blaskapelle, Frankfurter Würstel auf Kombucha-Pilz, Om auf Amen sowie die Krabbenstellung auf den erzkonservativen Bürgermeister. Und inmitten der Fronten steht die 12-jährige Lili und versteht die Welt nicht mehr.


 

Erzählen lässt Rosenmüller seinen liebenswerten Kulturclash wie schon in früheren Filmen aus einer Kinderperspektive, basierend auf den Erinnerungen der Drehbuchautorin Ursula Gruber, die selbst in einer Bhagwan-Kommune südlich von München aufwuchs. Dabei gleitet die Geschichte so dynamisch, so schwung- und humorvoll voran, dass der Himmel über Talbichl schon mal esoterische Färbungen annimmt, der fliegende Guru von seinem Teppich und die intrigante alte Nachbarin vor lauter Schaulust vom Balkon fallen kann. Angenehm ist vor allem, mit welch energischem Augenzwinkern Sommer in Orange sehr wohl beide der hier aufeinander krachenden Lebensweisen zu belächeln und zu hinterfragen weiß. Spielerisch thematisiert der Film  engstirniges Denken, Intoleranz sowie die Frage nach Normalität und berührt gleichzeitig mit einer Geschichte von zwei Kindern, die bei der Selbstsuche der Erwachsenen beinahe verloren gehen.

Allerdings hat es Rosenmüller wohl im Eifer des filmischen Gefechts an vielen Stellen mit dem Einsatz von absurdem Humor, der Überzeichnung von Klischee-Typen und dem Kampf der Dialekte doch ein wenig zu gut gemeint. So wirkt hier vieles – allem voran das spießige Verhalten der Dorfgemeinde oder auch die in eine Massenschlägerei mit obligatorischem Zeitlupen-Effekt ausartende Eskalation am Dorffest – unnötig übertrieben oder gar lächerlich. Wenn jedoch am Ende des Films der Dorfpfarrer augenzwinkernd in die Kamera blickt und grinsend „Die Zeit ändert sich!“ verkündet, während im Hintergrund Kühe und Elefanten friedlich auf der Wiese grasen, dann sind auch schnell die etwas zu ungebändigten Übertreibungen verziehen und man erinnert sich wieder daran, wie wohltuend Happy Ends doch zumindest ab und zu sein können.

Regie: Marcus H. Rosenmüller, Drehbuch: Ursula Gruber, Darsteller: Petra Schmidt-Schaller, Amber Bongard, Georg Friedrich, Heinz-Josef Braun, Thomas Loibl, Laufzeit: 110 Minuten, Filmstart: 02. 09. 2011