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Die Anonymen Romantiker

Liebe geht durch den Magen – eine uralte Weisheit, die uns alle aber immer noch nicht zu Spitzenköchen gemacht hat. Merde! In Frankreich entsteht Liebe traditionell zuerst in einer Schokoladenfabrik und landet irgendwann später im Magen, das haben uns zumindest Johnny Depp und Juliette Binoche so beigebracht.

Die Anonymen Romantiker bleibt diesem Rezept treu und fabriziert eine neue, humorvollere Version von Chocolat. In den Hauptrollen sieht man diesmal allerdings zwei neurotische Chaoten, die wegen ihrer extremen Schüchternheit bereits in Therapie sind.

Französische Filme sind nicht etwas für jedermann. Und ja, natürlich auch nicht etwas für jederfrau. Um beim Essen zu bleiben: Nicht selten sind französische Werke schwere Kost und liegen einem noch lange im Magen. Wer die fabelhafte Welt der Amelie kennt, La Boum oder Die Kinder des Monsieur Mathieu weiß, dass die Camembert- liebenden, unter dem Arm ein Baguette tragenden Froschschenkelliebhaber auf eine ganz besondere Art und Weise ihre Geschichten erzählen und das kann schon mal anstrengend, psychedelisch und eigenartig werden. Deshalb eine Warnung: Die Anonymen Romantiker ist ein typisch französischer Film. Und gleich darauf eine kleine Entwarnung: er dauert nur knappe 80 Minuten.

Jean-René (Benoît Poelvoorde), seines Zeichens Besitzer einer vor dem Bankrott stehenden Schokoladenfabrik und  Angélique (Isabelle Carré), Schokoladenliebhaberin und heimliches Konditor- Genie, sind beide getrennt voneinander in Psychotherapie. Angélique ist dermaßen schüchtern, dass sie manchmal sogar deswegen in Ohnmacht fällt und Jean-René schwitzt bei einem seiner Verlegenheitsanfälle schonmal 3 Hemden innerhalb von 10 Minuten durch. Trifft sich also gut, dass sich die Beiden ab sofort täglich in der Arbeit sehen und sich – wenn auch äußerst eigenartig und vor allem langsam– immer näher kommen. Eine Reihe von missglückten Rendezvous, umständlichen Liebeserklärungen und schrecklich komplizierten Missverständnissen beginnt…

Die Anonymen Romantiker ist in erster Linie ausbaufähig, und damit sind jetzt nicht nur die knappen 80 Minuten gemeint. Die komischen, humorvollen Momente sind da, werden aber nicht ausreichend genutzt, um den Zuschauer wirklich herzhaft zum Lachen zu bringen. Die tiefgründigen, liebenswerten Charaktere sind da, bekommen aber zu wenige Möglichkeiten den Zuseher vollends in deren Bann zu ziehen. Die interessante, unterhaltsame Geschichte ist da, wirkt aber speziell in der zweiten Hälfte wie eine eigenartige Kopie von Chocolat, was man ja nicht gerade als neu und innovativ bezeichnen kann. Man hätte sich eindeutig mehr (zu)trauen und alles etwas aufpeppen können, Chancen gab es en masse! Tja, aber  so sind sie nun mal, die Franzosen! Anstatt  was Neues zu probieren und vielleicht ein bisschen in Richtung (guten) Mainstream zu gehen, bleiben sie patriotisch und treu bei ihrer Art Filme zu erzählen und das ist wie gesagt nicht etwas für jedermann. Und für jederfrau sowieso schon gar nicht.

Zur Kinokarte nur greifen, wenn man ausdrücklich Fan des le tricolore cinema ist und alle, die an dieser Stelle schonmal gar nicht wissen, was le tricolore cinema überhaupt bedeutet, sollten sich diesen Film folglich wenn überhaupt, nur auf DVD ansehen. Wer viel von Frankreich sehen will, wird auch nicht voll auf seine Kosten kommen, die Szenen finden in erster Linie in geschlossenen Räumen statt, während man Außenaufnahmen an einer Hand abzählen kann. Das typisch französische Flair ist somit nur in den Charakteren und der Machart zu finden, hier dafür sehr stark. Wer sich auf solche Filme einlassen kann, wird in jedem Fall nicht enttäuscht sein.

Regie: Jean-Pierre Améris, Drehbuch: Jean-Pierre Améris, Philippe Blasband, Darsteller: Benoît Poelvoorde, Isabelle Carré, Lorella Cravotta, Laufzeit: 80 Minuten, Filmstart: 12.08.2011