Stereosound-©-2011-Nina-Tatschl

Earpollution

Nein, hier geht es nicht um ein Drüsenprodukt, welches aufgrund mangelnder Hygiene zum Problem  wird, sondern um etwas für Musikliebhaber ebenso Unangenehmes: Permanente – unfreiwillige – Beschallung.  Die Rede ist von einer unfreiwilligen Aussetzung von Musik, die man sich weder aussuchen noch reihen kann; die aus den letzten 30 Jahren Musikgeschichte stammt und allesamt dem Genre Popularmusik entspringt…

Schuld daran sind wie immer die Medien, genauer gesagt das Radio. Tausende Menschen konsumieren täglich Radiosender, die Ihnen Musik vorsetzen, die sich einst oder gerade eben durch kommerziellen Erfolg hervorgetan hat und seitdem in die Endlosschleife serviert wird. Wie anders ist es zu erklären, dass man täglich (!) mit Hits aus dem letzten Jahrzehnt konfrontiert wird. Beispiel: Nickelbacks „How your remind me“. Kurzzeitig macht das Konzept ja Sinn. Wir spielen Lieder, von denen wir wissen, dass sie berühmt sind und gern gehört werden. Jedoch erhält man den Eindruck, dass in den großen Radiostudios Österreichs lediglich vier Sampler-Alben pro Jahr seit etwa 30 Jahren gekauft werden und man daraus die Auswahl für die tägliche Playlist trifft. Dies geschieht einmal pro Monat und wird zu Geschäftszeiten 30-mal monatlich gespielt. Dies entspricht wahrscheinlich kaum der Realität, hört sich aber so an. Der Tatort ist nicht das Wohnzimmer mit der modernen Hi-Fi Dolby Surround HD Stereoanlage.

Nein, kein Mensch, der von sich behauptet, Musikliebhaber zu sein, würde sich bewusst dieser undifferenzierten und unsortierten Anhäufung von Popsongs auf längere Zeit aussetzen. Das Verbrechen findet täglich zu Werkszeiten in Fabrikshallen, Büros, Kaufhäusern, Wartezimmern, Fahrzeugen, Cafés, etc. statt – überall wo eine heterogene Gruppe das Bedürfnis hat, die Eintönigkeit ihrer Tätigkeit durch akkustische Untermalung angenehmer zu gestalten. Um dem Konfliktpunkt unterschiedlicher Musikgeschmäcker zu entgehen, wird ein Radioprogramm gewählt, welches für alle Altersklassen und Schichten tolerierbar ist. Und so sitzt, steht, bewegt man sich täglich acht Stunden zu Musik, die einem in den seltensten Fällen gefällt, ebenso selten aufregt und einem größtenteils egal ist. Nebenbei wird man fortlaufend mit Werbeslogans beschallt, welche man – als Teil der unterbewussten Nebentätigkeit „Radiohören“ – konsequent in sich aufnimmt.

Klingt ja eigentlich nicht schlimm, wer verliert denn dabei? Unser musikalisches Ohr, unsere Passion für explizit gewählte Musik, unsere Fähigkeit zu differenzieren, unsere Individualität im Geschmack, unser Interesse an der Musiklandschaft und vor allem die Vielfalt. Man wird übersättigt mit Tönen, die man nicht hören will, mit denen man aber täglich indoktriniert wird. Unser Ohr wird müde, taub und abgestumpft – vielleicht zu abgestumpft, um das Besondere vom Allgemeinen unterscheiden zu können. Die „Gewinner“ sind die Radiosender, Werbetreibenden und – allen voran – die Besitzer von Tantiemen einiger Popsongs, die zwar keiner mehr freiwillig spielen würde, aber dank dem Radio von Tausenden täglich gehört werden. Chuck Palahniuk – u.a. Autor des Romans Fight Club – beschreibt den modernen Menschen in seinem Roman Lullaby als einen „Phobiker der Stille“: Hauptsache irgendetwas hören aus Unfähigkeit mit der Stille umzugehen.




  • Thomas

    Ist ja sehr pessimistisch. 😀

    Ich war jetzt einige Wochen als Praktikant tätig und bin immer froh wenn ich etwas Musik habe, die mich aufheitert. Vor allem wenn ein Büro alleine besetzt wird, ist es für mich persönlich sehr unangenehm, wenn dort Totenstille herrscht. Klar gibt es immer wieder Tätigkeiten die absolute Konzentration erfordern, aber dann kann das Radio auch ausgemacht werden.

    Zudem gibt es in Österreich sehr wohl Stationen wo nicht immer nur die selben Hits in der Endlosschleife gespielt werden, so wie von einem sehr bekannten Sender, der pro Tag, meiner Meinung nach, nur 20 Lieder in der Playlist hat.